1. Sinfoniekonzert
Richard Strauss Vier letzte Lieder
Anton Bruckner Sinfonie Nr. 6 A-Dur WAB 106
Die »Vier letzten Lieder« von Richard Strauß nach Gedichten von Hermann Hesse und Joseph von Eichendorff aus dem Jahr 1948 sind der einzigartige Abgesang einer Epoche, die 1945 zusammenbrach. Mit Hermann Hesses und Joseph von Eichendorffs Gedichten beschwor Strauss noch einmal die frühen Jahre zwischen 1905 und 1911, als »Salomé«, »Elektra« und »Der Rosenkavalier« die musikalische Welt begeisterten. Die tragische Stimmung der »Metamorphosen« für 23 Sologeiger, ein instrumentales Requiem auf die Zerstörung Dresdens, hielt nicht vor; noch einmal ließ er in diesen Gesängen das süße Abendlicht seiner Belcanto-Kunst aufleuchten. Sie waren eine letzte Liebeserklärung an seine Frau Pauline. »Wir sind durch Not und Freude / Gegangen Hand in Hand: / Vom Wandern ruhen wir beide / Nun überm stillen Land« heißt es im letzten Gedicht von Eichendorff. Als die Lieder am 22. Mai 1950 in London von Kirsten Flagstadt zum ersten Mal gesungen wurden, lebte Strauss nicht mehr.
Der Richard-Strauss-Biograf Ernst Krause schreibt über diese Lieder: »Welch ein Weg künstlerischer Läuterung und Verfeinerung von den melodisch und harmonisch auf breitere Wirkung berechneten frühen Liedern zur erhabenen, zwischen Hell und Dunkel schwebenden kristallenen Welt der Alterslyrik! Diese Lieder, des Meisters Schwanengesang, sind erfüllt von dämmernder Abschiedsstimmung. Gesänge des sinkenden Lebens, gesungen voll Wehmut, doch voll Zuversicht auf das Kommende. Ihre Melodie ist nicht mehr gegenständlich, ist ganz fließendes Melisma und schwingt sich in ›Freien Flügen‹ (Hesse) über alle stofflichen Bindungen. Die Krone der im Zeitmaß getragenen und meisterlich durchscheinend instrumentierten Gesänge bildet das ›Im Abendrot‹ nach Eichendorffs Versen. ›Wie sind wir wandermüde - Ist das etwa der Tod?‹, heißen die letzten Zeilen, und wie eine zarte Reminiszenz zieht im Horn das Hauptthema aus ›Tod und Verklärung‹ vorüber.«
Als die Wiener Philharmoniker am 11. Februar 1883 die beiden Mittelsätze von Bruckners 6. Sinfonie A-Dur uraufführten (die ganze Sinfonie wagte man nicht), ließ sich der Brahmsianer Eduard Hanslick zu einem Lob herab, das klang dann so: »Im Ganzen hat der wilde Komponist etwas an Zucht gewonnen, aber an Natur verloren. Beim Adagio hielten sich Interesse und Befremden einander noch die Waage, in dem ausschließlich durch Seltsamkeiten fesselnden Scherzo trennte sich aber – wie der Sportmann sagen würde – das Ross von seinem Reiter.« Im gleichen Jahr bejubelte Hanslick die Uraufführung der 3. Sinfonie von Brahms. Die Kontroversen sind Geschichte, aber beide Sinfonien sind das kostbarste Geschenk, das das Jahr 1883 der Musikgeschichte gemacht hat.
Wer Bruckner verstehen will, muss sein Jahrhundert betrachten. Bruckners Musik kommt nicht nur »vom lieben Gott« oder den Gänseblumen auf den Almen; das 19. Jahrhundert war das der großen Ingenieure, Naturwissenschaftler und Philosophen. Die naturwissenschaftlichen, mathematischen und technischen Erfindungen stürzten das tradierte Weltbild um. Bruckners Sinfonien sind auch Reflex und Spiegelbild dieser Revolution.
Wer sich in die Partituren Bruckners vertieft, staunt über den Universalismus dieses Geistes. Es ist eine Kompositionsweise auf der Höhe der Zeit. In der Kühnheit der harmonischen Konstruktionen steht er den genialen Erfindungen der großen Mathematiker, Naturwissenschaftler und Physiker seiner Zeit in nichts nach. Wenn man für seine Sinfonien ein Bild sucht, dann wäre das nicht das Matterhorn, sondern der Eiffelturm. Seine Klang-Kathedralen hat man mit dem Strassburger Münster verglichen, aber mit der Musik des Mittelalters haben sie nichts zu tun. Damals waren sie extrem modern.
am 12.09. um 11.00 und 13.09. 2010 um 20.00
Stadthalle
Dirigent:
Alexander Joel
Mit:
Solistin (Sopran)::
Liana Aleksanyan