9. Sinfoniekonzert
Anton Webern Variationen für Orchester op. 30
Wolfgang Amadeus Mozart Sinfonie Nr. 40 g-Moll, KV 550
Richard Strauss Don Quixote op. 35
Knapp zehn Minuten dauern die »Variationen für Orchester« op. 30 von Anton Webern, doch in ihnen eröffnet sich die Musikwelt des 20. Jahrhunderts. Sie ist keine Enzyklopädie dieser Periode, Stilzitate oder Adaptionen von Werken der Zeitgenossen fehlen, so auch äußere, zeitgeschichtliche Bezüge. Vom beginnenden Krieg – sie wurde 1940/1941 komponiert – ist darin nichts zu spüren. Weiter noch als sein Lehrer Arnold Schönberg war Webern von jeder Programmatik entfernt. Es galt ihm nur der Ton, die zarte und zugleich feste Struktur. Diese Musik besteht aus zarten, angedeuteten, puppenhaft mechanischen und zugleich rührenden Wiener Gesten, oft nur zwei, drei Töne, die wie aus dem Dunkel hervortreten und wieder verschwinden. Es ist ein impressionistisches Kammerspiel in sechs Variationen über ein nur viertöniges Thema. Das »es war einmal« ist der Gestus dieser scheuen Musik. In seiner Jugend, als Webern bei Schönberg lernte, war Webern auch ein Operettendirigent gewesen. Es war
eine Hassliebe. Das hört man hier.
Was die Trias der letzten Mozart-Sinfonien auslöste und wo sie zuerst aufgeführt wurden, weiß man nicht. Sie entstanden 1788, doch ohne Anlass schrieb Wolfgang Amadeus Mozart nie etwas, vielleicht wollte er sich mit ihnen um eine neue Stellung außerhalb Wiens bewerben. In der Tat trat er ein Jahr später eine solche Bewerbungstournee nach Berlin an und hoffte, Hofkapellmeister bei König Friedrich Wilhelm II. in Potsdam zu werden. Mozart in Potsdam – eine absurde Vorstellung. Seine Witwe Constanze erzählte zehn Jahre später dem Musikkritiker Friedrich Rochlitz, Mozart habe »seinen Kaiser« Joseph II. nicht verlassen können (der ihn schlecht bezahlte). Das war ein Märchen. Der Preuße bot noch weniger, so wurde es nichts. Aber während dieser Reise machte Mozart Station in Leipzig und führte eine der neuen Sinfonien im Gewandhaus auf. Es könnte die g-Moll-Sinfonie gewesen sein. Leider weiß man es nicht. Aber dass er damit in Leipzig keinen Erfolg hatte, ist überliefert.
Die Tondichtung »Don Quixote« (1897) von Richard Strauss ist der komponierte Roman des Cervantes. Der Windmühlenkampf, die Schlacht mit der Hammelherde, der dicke Knappe Sancho Pansa, das dürre Ross Rosinante und die Stallmagd Dulcinea kommen ausführlich vor. Und doch gibt es ein Mehr, das den barocken Spanier hineinholt in die Gegenwart des Komponisten. Denn die Musik ist auch Strauss’ Selbstporträt. Richard Strauss, ein echter Theatermann, hat Kostümierungen und Maskeraden geliebt. Als Eulenspiegel und Don Juan (was er am wenigsten war) trat er vor sein Publikum, sogar als »Held« in der Sinfonischen Dichtung »Ein Heldenleben«, eigentlich als ein selbstironisch gesehener grotesker Titan, der mit den Musikkritikern Gefechte austrägt, die denen des Don Quixote nicht nachstehen. Als ein moderner Don Quixote geisterte Strauss auch durch die Karikaturen der damaligen Musikzeitungen – ein langer, dürrer Herr in aristokratischer Schiefheit, mit dünnem Bärtchen und blitzenden Augen, die zur ganzen traurigen Gestalt genialisch kontrastieren. Nebenbei sind diese zehn »Fantastischen Variationen ritterlichen Charakters« auch noch ein Doppelkonzert für Viola und Violoncello, denen außerordentliche solistische Aufgaben zufallen.
am 13. und 14. Mai 2012
Stadthalle