10. Sinfoniekonzert
Johannes Brahms Violinkonzert D-Dur op. 77
Johannes Brahms Sinfonie Nr. 3 F-Dur op. 90
Das am Neujahrstag 1879 im Leipzig Gewandhaus uraufgeführte Violinkonzert von Johannes Brahms mit Joseph Joachim als Solisten, dem es auch gewidmet ist, knüpft an Beethovens Violinkonzert an, führt in spieltechnischer Hinsicht jedoch darüber hinaus. Wie bei Beethoven beginnt auch hier der Solist mit einer virtuosen freien Kadenz, ehe er das Hauptthema anstimmt. Das thematische Material ist von edelstem klassischen Zuschnitt, das Allegro und das Adagio ziehen vorüber wie zwei grandiose Sinfoniesätze, die von den smaragdenen Klängen der Solo-Violine überwölbt werden.
Das Finale fällt jedoch aus dem Rahmen, selbst Brahms-Freunde stießen sich einst an der Kürze und Wildheit des Satzes. Brahms verlässt das klassische Terrain und etabliert den Solisten als Zigeunergeiger auf dem Feld der Tanzmusik. Es klingt, als ob sich der Komponist seine Inspiration bei den »Ungarischen Rhapsodien« des von ihm nicht sonderlich geschätzten Franz Liszt geholt hätte. In der Tat verbindet die Zigeunermusik diese beiden gegensätzlichen Genies. Während Liszt in Ungarn mit den Zigeunern musizierte, holte sich Brahms seine Anregungen bei seinen beiden Geigerfreunden Eduard Rémenyi und Joseph Joachim. Beide stammten aus Ungarn, Rémenyi war selbst ein gebürtiger Zigeuner, und sie beide versorgten Brahms mit dem Material und den Impulsen der Zigeunermusik. Die »Ungarischen Tänze« für Klavier zu vier Händen sind ein Zeugnis dieser Symbiose, das Finale des Violinkonzerts ein anderes, und das Finale kann man hören als eine Reverenz an Joseph Joachim. »Ungarisch« ist nicht nur das Thema des Satzes, sondern die typische »zigeunerische«, improvisierende Behandlung des Soloparts und der elektrisierende rhythmische Impetus, der seine Wirkung nie verfehlt.
Brahms' 3. Sinfonie F-Dur op. 90 ist das Gegenstück zu Anton Bruckners 6. Sinfonie; beide Sinfonien erklangen 1883 in einem Konzert der Wiener Philharmoniker (Bruckners Werk allerdings nur auszugsweise). Während Bruckner durchfiel, errang der 50-jährige Brahms einen durchschlagenden Erfolg trotz des deutlich spürbaren Gegenwinds: Die Wagner- und Bruckner-Anhänger fingen nach jedem Satz an zu zischen, und vielleicht war dieses Erlebnis der Grund dafür, dass Brahms später einmal boshaft Bruckners Sinfonien als »Riesenschlangen« bezeichnete. Dvořák, der sich im Publikum befand, war entzückt von den »herrlichen Melodien«. Clara Schumann hörte Naturlaute, wie rinnende Bächlein oder Mückentänze. Dazu im Gegensatz steht allerdings das Wort des Dirigenten Hans Richter von der Sinfonie als »Brahms' Eroica« (Beethovens 3. Sinfonie), oder die patriotische Auslegung des Werkes als Apotheose des Niederwalddenkmals bei Rüdesheim durch den Brahms-Biografen Max Kalbeck. Brahms selbst gab zu Protokoll, er habe das Hauptthema einem Berchtesgadener Jodler abgelauscht.
Wenn man sich den grandiosen Beginn vergegenwärtigt – die beiden f-Moll-Akkorde der Bläser und das »passionato« einsetzende Dreiklangsthema in den Streichern –, dann muss man diesen Aphorismus für ein gigantisches Understatement halten: Von den jodelnden Ländlermelodien in den Tänzen Josef Lanners oder Franz Schuberts ist Brahms Welten entfernt. Entscheidend ist nicht die Vorlage, sondern das, was daraus wurde, und so ist man gut beraten, all diese Kleinbildkamera-Deutungen zu vergessen. Hans Richters Wort von der »Eroica« bezieht sich letztendlich eher auf die Zahl Drei als auf den Ausdruckscharakter der Sinfonie. Das Heroische fehlt, an dessen Stelle tritt eine unruhige, manchmal schmerzvolle Passion.
Der Uraufführungserfolg beeindruckte den Komponisten so sehr, dass er sich im Ernst fragte, ob er nicht jede weitere Aufführung absagen solle, weil sie zwangsläufig hinter die fulminante Interpretation Hans Richters zurückfallen würde. Zum Glück für die Nachwelt hat er diesen Gedanken nicht weiter verfolgt.
am 19.06. um 11.00 und 20.06.2011 um 20.00
Stadthalle
Dirigent:
Alexander Joel
Mit:
Solistin (Violine):
Alexandra Soumm